Flutgraben e.V









Inverse Institution

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Inverse Institution - Die Kunstinstitution umdrehen
Ein programmatischer Ansatz im Projektraum des Flutgraben e.V.


Entwickelt von: Janine Eisenächer, Sönke Hallmann, Lydia Hamann, Kaj Osteroth, Inga Zimprich

Mit (in 2012) Salong!/Lothringer 13_Laden/LeOrgien; GEIST (Andjeas Ejiksson, Oscar Mangione, Fredrik Ehlin), Jack Henrie Fisher; Jo Zahn; Radikal Pedagogik (Johanna Gustafsson und Lisa Nyberg), Felicita Reuschling und Stefan Endewardt; Noha Ramadan & Sarah Michelle Harrison; Anna Smolak; Vanilla Facts (Alexander Opper, Emma Williams, Kaj Osteroth, Lester Adams, Lydia Hamann, Mirko Winkel, Thenjiwe N. Nkosi), Performancekunst und politisches Handeln

Und zuvor: Tijana Stevanovic, Nebojsa Milikic, k2ao, Faculty of Invisibility, the Reading Room (Dominique Hurth, Ciaran Walsh mit Gästen), Performerstammtisch, Tischgesellschaften, Platform Young Performance Art, October Project u.a.



Seit drei Jahren programmieren wir als künstlerischer Vereinsvorstand den 220 qm grossen Projektraum im Atelierhaus am Flutgraben 3. Wir bezeichnen unsere programmatische Ausrichtung als Inverse Institution: eine gemeinschaftliche künstlerische Praxis, die wir innerhalb mehrerer Jahre unter kontinuierlicher Mitwirkung eingeladener Künstler_innen und Kollektive entwickeln und die sich potenziell auf alle operativen und konzeptionellen Bereiche des Betriebs des Projektraums auswirken kann.

Innerhalb von Inverse Institution bearbeiten wir exemplarische Fragestellungen aus selbstorganisierten Räumen und Projekten: Wir widmen uns Themenschwerpunkten wie künstlerischer Wissensproduktion und den daraus entstehenden politischen Handlungsräumen, wir befragen kritisch vorherrschende Repräsentations- und Ausstellungspolitiken, wir unterstützen kollektive Formen von Autorschaft und versuchen zugleich, unseren Arbeitsansatz auf neue Weisen zu veröffentlichen und zu vermitteln.

Den gedachten Akt der "Umkehrung der Institution" setzen wir als methodisches Werkzeug ein, um die Stellen im Betrieb des Projektraums aufzuspüren, die wir künstlerisch bearbeiten wollen. Inverse Institution als programmatische Ausarbeitung umfasst bislang folgende Aspekte: die Arbeit mit einem erweiterten Publikumsbegriff; das Denken einer unterstützenden, "nach innen" gerichteten Kunstinstitution und die verbindliche Zusammenarbeit mit Künstler-_innen und Kollektiven, die über mehrere Jahre eingeladen sind, immer wieder den Flutgraben als Produktionsort zu nutzen; die Förderung von internen Arbeitsformaten (neben öffentlichen Präsentationsformen) und das Umsetzen einer solidarischen Arbeitsweise zwischen allen am Projektraum Beteiligten.

- Wir knüpfen bewusst an institutionskritische Ansätze der 90er Jahre an, die in den Projekträumen Berlins erprobt worden sind, und wollen ihr Versprechen, strukturelle Effekte zu zeigen, am Flutgraben aktualisieren.

- Wir möchten uns vom Professionalitätsbegriff ausreichend finanzierter Kunstinstitutionen distanzieren und Organisationsformen aufbauen, die den räumlichen, finanziellen und personellen Ressourcen selbstorganisierter Räume angemessen sind. Für uns heisst das u. a., neue Formate und kleinteiligere Sichtbarkeiten zuzulassen, die sich für alle Beteiligten lohnen.

- Wir wenden feministische und emanzipatorische Ansätze an, indem wir künstlerische und politische Verfahren nicht allein auf den Projekt- und Ausstellungsbereich beschränken, sondern unser alltägliches Arbeitsumfeld graduell umarbeiten.

- Wir unterstützen repräsentationskritische Ansätze, die die Normierungskraft des Ausstellungsraums in seinen Akten des Zeigens, Selektierens und Ausstellens bearbeiten, und setzen auf kollektive und gemeinschaftliche Produktionsformen, die neue Erzählformen und Präsentationsformate ermöglichen.


Mit Inverse Institution nutzen wir den Projektraum des Flutgraben e.V., um ein gemeinschaftlich organisiertes künstlerisch-kuratorisches Praxismodell zu entwerfen:

Erweiterter Publikumsbegriff

Wir laden, je nach Präsentationsformat, auch halböffentlich ein. Diese Gruppe von etwa 50 Personen verstehen wir als einen erweiterten Kreis von Mitwirkenden, die sich durch Diskussionsbeiträge, eigene künstlerische Mitarbeit, Vorschläge und Anregungen an unserem Programm beteiligen. Durch thematische Kontinuität und durch vielzählige Gelegenheiten, miteinander ins Gespräch zu kommen, möchten wir den Flutgraben als Ort gemeinsamen Denkens und engagierten Sprechens über (und als) künstlerische Praxis etablieren, der für sein "Publikum" ein fester Bezugspunkt und Ort der Weiterentwicklung ist.


"Nach innen" gerichtete Institution

Wir lösen uns von der Erwartung, wie eine voll finanzierte, professionelle Kunsteinrichtung zu funktionieren. Wir möchten, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, einen lebhaften und unterstützenden Kontext verwirklichen, der von innen aktiviert wird und nach innen aktiv ist, anstatt sich an eine beliebige Öffentlichkeit zu wenden und sich darin zu verausgaben. Massgeblich ist hierfür unser Arbeitskontext: Dies ist einerseits das Künstlerhaus mit seiner Geschichte und seinen alltäglichen Anforderungen. Andererseits möchten wir auch immer wieder aktiv die Verbindung herstellen zwischen Verhandlungen in der Programmierungsgruppe (beispielsweise von Erwartungen, Finanzierung und der Beziehung zwischen Einzelnen und Gruppe) und dem öffentlich sichtbaren Programm. So möchten wir grundlegende und wiederkehrende Fragen nach Arbeit, Selbstausbeutung und Anerkennung in unseren öffentlich geführten Diskursen sichtbar machen.


Langfristige und wiederkehrende Kollaborationen mit Künstler_innen und Kollektiven

Uns beschäftigt die Frage, wie sich das Verhältnis von punktuell und je nach Aktualität eingeladenen Künstler_innen, zu den Institutionen, in denen sie ausstellen, ihre Arbeit präsentieren oder von denen sie sogar Stipendien erhalten, intensivieren lässt, sodass eine aufmerksame Wechselbeziehung zwischen Künstler_innen und Institution entsteht. In Inverse Institution möchten wir langfristig mit einer stabilen Anzahl von Künstler_innen zusammenarbeiten, die über Jahre wiederkehrend die Bezüge ihrer Praxis zum Flutgraben e.V. und seiner Programmatik herausarbeiten. So entsteht die notwendige Verbindlichkeit, um sich komplexeren Fragestellungen zuzuwenden.


Interne Arbeitsformate

Auch weil wir keine Materialkosten zahlen und zumeist nicht einmal Reisekosten erstatten können, ermutigen wir unsere Gäste, sich für Formate zu entscheiden, die ihrem aktuellen Arbeitsstand am meisten zugute kommen, auch wenn diese ganz auf Öffentlichkeit oder Sichtbarkeit verzichten. So steht der Projektraum des Flutgraben beispielsweise für Probe- und Produktionsphasen sowie interne Workshops zu Verfügung und gibt Zeit für Recherche oder Reflektion.


Solidarische Arbeitsweise

Wir unterstützen feministische und emanzipatorische Ansätze ebenso wie Positionen, die Möglichkeiten politischen Handelns befragen. Wir arbeiten bewusst bevorzugt mit Kollektiven und Künstler_innengruppen, die ihre Arbeitsweise reflektieren und sich von künstlerischen Einzelpositionen verabschiedet haben. Wir laden auch Künstler_innen ein, deren Arbeitsprozess noch undeutlich ist und die Zeit benötigen, um ihre Fragestellungen zu präzisieren. Ebenso verabreden wir auch Folgetermine, wenn die Zeit nicht reicht, oder jemand gerne bei uns die Arbeit fortsetzen möchte.


Publishing Impulse

Weil wir Inverse Institution als Modell verstehen, das neue Arbeitsweisen erprobt, kommt der Veröffentlichung unserer Arbeit eine besondere Rolle zu. Wir möchten Publishing Impulse als produktives Medium der Selbstverständigung aufbauen, mit der wir auch Möglichkeiten der Veröffentlichung unserer Arbeit ausloten. Zu Publishing Impulse zählt ganz zentral die Aufzeichnung und Transkription interner Gespräche, aber auch die Arbeit auf der Wiki-Seite für einzelne Projekte, Gespräche mit ehemals am Flutgraben involvierten Personen, und die enge Zusammenarbeit mit Gästen zu Fragen der Veröffentlichung und gemeinsamen Praktiken des Lesens und Schreibens. Publishing Impulse ist für uns ein Reflektionsraum, der als Praxis des Schreibens und der Selbstverständigung von Programmierungsgruppe und Gästen aktiv ist und zugleich eine bleibende Ressource von Gesprächen und Dokumenten bildet.               


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Bild:
Body works (2011)